AKTUELLE AUSGABE

Kulinarium 1/2005:

Das Galamenü zur Feier des STAATSVERTRAGS

 



Nicht nur das Schloss Belvedere wurde auf Hochglanz gebracht um einen würdigen Rahmen für die für Österreich so wichtige Unterzeichnung des Staatsvertrages abzugeben. Das Bundesmobiliendepot in Wien-Mariahilf hatte alle Hände voll zu tun: zu allererst mussten die fünf Fauteuils aus dem früheren Appartement von Kaiser Franz Joseph, auf denen später die Außenminister bei der Vertragsunterzeichnung saßen, restauriert werden. Dann wurden hunderte weißgoldene Stühle überprüft – „dass ja keiner zusammenbricht!“- , mit rotem Damast neu überzogen, frisch lackiert und allesamt ins Schloss Schönbrunn verfrachtet.

Fotos: Schloß Schönbrunn Kultur- und Betriebs.Ges.m.b.H

Streng das Auge des Protokollchefs: er hatte mit seinen Experten ausgerechnet, dass an der Festtafel im Schloss Schönbrunn für jeden der 86 Ehrengäste genau 75cm Tischbreite zur Verfügung stehen müssen. Doch auch winzige Details bei der Auswahl der Menüfolge mussten genau auf die sprichwörtliche Waagschale gelegt werden. Stellen Sie sich vor, man hätte dem sowjetischen Außenminister Molotow eine „Malakofftorte“ vorgesetzt! – Nicht auszudenken, Moskaus „Mister Njet“ noch nachträglich zu verärgern! So ging eine lange und intensive Planung dem strahlenden Höhepunkt der Staatsvertragsunterzeichung, dem Diner im Schloss Schönbrunn, voraus, die ausgearbeiteten Protokolle dazu wanderten vorher sogar in einen Tresor und blieben bis zuletzt streng geheim! Und am 15.5.1955 speisten die Ehrengäste der freien Republik Österreich dann vorzüglich in der prächtigen Sommerresidenz des alten Kaisers mit all seinen Accesoires: von der Tischwäsche bis zum Tafelgeschirr, Besteck & Co. Dieser Höhepunkt ging natürlich schon Tage vorher durch die Presse.

Die Zeitung „Neues Österreich“, die allen Parteien gemeinsam gehörte, berichtete am Freitag, dem 13.5.1955 über das bevorstehende Galamenü wie folgt:

In Schönbrunn schreiten alle Vorbereitungen für den Sonntag rüstig vorwärts. Die Säle wurden ausgeräumt und über die Parkettböden rasen die Bürstenmaschinen. In der Galerie sieht man entlang der Wände imposante Wäschekörbe stehen. Sie enthalten das staatliche Tafelporzellan: weiße Teller mit Goldränder und dem Doppeladler. Rund um das Schloss herum wimmelt es von Arbeitern. In aller Eile werden entlang der Parkfront neue Steinfliesen gelegt. Die Maler haben ihr Werk im Vestibül gestern beendet. In blendendem Weiss präsentieren sich nun die Säulen und Schwibbögen. Heute kommen die Putzfrauen an die Reihe; auch die Anstreicher, die die Fensterläden nachlackieren müssen. Neben den beiden großen Blumenbeeten im Park bauten Zimmerleute gestern das Podium für die Philharmoniker auf und die Bühne, vor der herab sich unser Opernballett produzieren wird. Abends erschienen die Balletttänzer selbst in Trainingsanzügen zur Probe des Donauwalzers. Gleichzeitig probierten auch die Beleuchter ihre Scheinwerfer. Die ursprüngliche Sorge, dass vielleicht nicht genügend Scheinwerfer zur Verfügung stehen würden, da in den Filmateliers gegenwärtig Hochbetrieb herrscht, war zum Glück unbegründet. Spontan erklärten die einzelnen Produktionsgesellschaften sich bereit, die nötige Anzahl von Beleuchtungskörpern abzutreten.
 


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