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Streng das Auge des Protokollchefs: er hatte
mit seinen Experten ausgerechnet, dass an der Festtafel im
Schloss Schönbrunn für jeden der 86 Ehrengäste genau 75cm
Tischbreite zur Verfügung stehen müssen. Doch auch winzige
Details bei der Auswahl der Menüfolge mussten genau auf die
sprichwörtliche Waagschale gelegt werden. Stellen Sie sich
vor, man hätte dem sowjetischen Außenminister Molotow eine
„Malakofftorte“ vorgesetzt! – Nicht auszudenken, Moskaus „Mister
Njet“ noch nachträglich zu verärgern! So ging eine lange und
intensive Planung dem strahlenden Höhepunkt der Staatsvertragsunterzeichung,
dem Diner im Schloss Schönbrunn, voraus, die ausgearbeiteten
Protokolle dazu wanderten vorher sogar in einen Tresor und
blieben bis zuletzt streng geheim! Und am 15.5.1955 speisten
die Ehrengäste der freien Republik Österreich dann vorzüglich
in der prächtigen Sommerresidenz des alten Kaisers mit all
seinen Accesoires: von der Tischwäsche bis zum Tafelgeschirr,
Besteck & Co. Dieser Höhepunkt ging natürlich schon Tage vorher
durch die Presse.
Die
Zeitung „Neues Österreich“, die allen Parteien gemeinsam gehörte,
berichtete am Freitag, dem 13.5.1955 über das bevorstehende
Galamenü wie folgt:
In Schönbrunn schreiten alle Vorbereitungen
für den Sonntag rüstig vorwärts. Die Säle wurden ausgeräumt
und über die Parkettböden rasen die Bürstenmaschinen. In der
Galerie sieht man entlang der Wände imposante Wäschekörbe
stehen. Sie enthalten das staatliche Tafelporzellan: weiße
Teller mit Goldränder und dem Doppeladler. Rund um das Schloss
herum wimmelt es von Arbeitern. In aller Eile werden entlang
der Parkfront neue Steinfliesen gelegt. Die Maler haben ihr
Werk im Vestibül gestern beendet. In blendendem Weiss präsentieren
sich nun die Säulen und Schwibbögen. Heute kommen die Putzfrauen
an die Reihe; auch die Anstreicher, die die Fensterläden nachlackieren
müssen. Neben den beiden großen Blumenbeeten im Park bauten
Zimmerleute gestern das Podium für die Philharmoniker auf
und die Bühne, vor der herab sich unser Opernballett produzieren
wird. Abends erschienen die Balletttänzer selbst in Trainingsanzügen
zur Probe des Donauwalzers. Gleichzeitig probierten auch die
Beleuchter ihre Scheinwerfer. Die ursprüngliche Sorge, dass
vielleicht nicht genügend Scheinwerfer zur Verfügung stehen
würden, da in den Filmateliers gegenwärtig Hochbetrieb herrscht,
war zum Glück unbegründet. Spontan erklärten die einzelnen
Produktionsgesellschaften sich bereit, die nötige Anzahl von
Beleuchtungskörpern abzutreten.
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